Liebe Leserinnen und Leser,
|
|
ich habe meine bisher emotionalste Ukrainereise hinter mir. Anfang September war ich zuerst in Moldau und danach in der ukrainischen Hafenstadt Odesa. Eine Stadt, in der zwei Geräuschkulissen dominieren: das langgezogene Jauchzen der Sirenen und das tiefe Dröhnen der neuen Drohnen mit Jetantrieb. Immer mal wieder mischen sich Schüsse der Flugabwehr in den Soundmix hinein.
|
|
Doch Einheimische ignorieren selbst letztere. So wie die Immobilienmaklerin, mit der ich zufällig in der Innenstadt Odesas ins Gespräch kam. Sie sprach trotz lauter Schüsse im Hintergrund unbeirrt weiter und erklärte mir, wie sehr die Immobilienpreise in Odesa seit Beginn der Vollinvasion gestiegen seien.
|
|
Doch bei dieser Reise habe ich gemerkt, dass dieser Schein der demonstrativen Gelassenheit trügen kann. Sehr viele Menschen, mit denen ich gesprochen habe, klagten über den Dauerbeschuss.
|
|
Leerer Blick, leise Stimme
|
|
Ein Berufsschüler, der zum Handwerker ausgebildet wird, erzählte mir, dass in der Nähe des Hauses seiner Oma ein Geschoss eingeschlagen sei. Er helfe daher nach der Schule – die übrigens in diesem Jahr auch von Russland mit Schahed-Drohnen beschossen worden war – das Haus seiner Oma zu reparieren. Sein Blick war leer, seine Stimme leise.
|
|
Sehr nah ist mir auch die Geschichte von Maryna aus dem besetzten Donezk gegangen. Sie arbeitet als Ärztin in einem Krankenhaus, das aus Mariupol – Anfang 2022 von russischen Truppen belagert, danach besetzt – nach Odesa umgezogen ist. Ihre Mutter lebt weiterhin unter russischer Besatzung, in der Stadt Donezk. Sie sagte: „Ich will so sehr, dass der Krieg aufhört, um meine Mutter wiederzusehen.“
|
|
Ihre Mutter sei 86 Jahre alt, gebrechlich und in ihrer Wohnung würde der Strom ausfallen. Wasser fließt in Donezk bekanntermaßen nur alle paar Tage aus den Leitungen. Dann zögerte sie kurz. Und fügte hinzu: „Es ist schwer zu verstehen. Ja, der Krieg ist schrecklich, der Tod ist schrecklich. Aber wenn Familien auseinandergerissen werden und wir wissen, dass wir uns nie im Leben wiedersehen werden, das ist das Schlimmste.“ Neben der Frau stand eine Ärztekollegin, sie brach derweil in Tränen aus.
|
|
Die Geschichte der Ärztin Maryna zeigt ganz eindrücklich, dass es sich bei Besatzung und „Gebietsfragen“ nicht nur um Territorien handelt – sondern um menschliche Schicksale. Aber ich habe auch Ukrainerinnen getroffen, die ganz klar sagen: Soll Russland doch den Donbas bekommen, wir wollen einfach nur Frieden.
|
|
Eine davon war Oksana, eine geflüchtete Frau aus Odesa, die ich in der Grenzregion in Moldau getroffen habe. „Die Ukraine soll nicht weiterkämpfen, wir wollen Frieden. Wir wollen, dass unsere Kinder, unsere Männer, Enkel und Urenkel lebend und gesund wiederkommen.“ Die Frau vermisst ihr Zuhause. In Moldau, da sei es zwar in Ordnung: „Niemand beleidigt uns hier“, sagte sie. Aber dennoch sei die Ungewissheit für sie „unerträglich“.
|
|
Nur zur Einordnung: In einer Studie des Kyjiw International Institute for Sociology gaben 77 Prozent der Befragten an, dass die Ukraine weiterkämpfen soll, auch, wenn Russland im Winter durch Angriffe Strom, Heizung und Abwasserentsorgung lahmlegen sollte.
|
|
Meine These: Es macht einen großen Unterschied, wie Ukrainer denken, die im Land geblieben sind und wie es Geflüchteten ergeht. Oder ob man Verwandte unter Besatzung hat oder die ganze Familie auf ukrainisch kontrolliertem Gebiet lebt. Doch ich sehe nichtsdestotrotz eine, wenn auch traurige, Gemeinsamkeit: Krieg zermürbt. Egal, ob geblieben, geflüchtet, mobilisiert oder von der Familie getrennt ...
|
|
(Transparenzhinweis: Die Recherchereise wurde von der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen organisiert und teilfinanziert)
|
|
Der Tagesspiegel im Überblick: Lernen Sie unsere Berichterstattung kennen – zwei Monate lang für 2 €. Erhalten Sie Zugang zu sorgfältig recherchierten Inhalten, Reportagen und Analysen zu aktuellen Themen aus Berlin und der Welt. Monatlich stehen Ihnen über 1.000 exklusive Artikel zur Verfügung. Jetzt im Probe-Abo entdecken
|
|
|
|
|
Die 5 wichtigsten Nachrichten des Tages
|
|
|
|
Russland griff am Montag die Akademie der Wissenschaft in der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw an. (Bild: AFP)
|
|
| • |
Wadephul will von Putin Zeichen der Verhandlungsbereitschaft. Außenminister Johann Wadephul fordert vom russischen Präsidenten Wladimir Putin nach dessen Einladung zum G20-Gipfel in den USA Zeichen der Verhandlungsbereitschaft. Putin müsse „beweisen, ob es eine Friedensbereitschaft, eine Verhandlungsbereitschaft auf russischer Seite gibt“, sagte der CDU-Politiker bei einem Treffen mit seinem slowakischen Kollegen Juraj Blanar in der Hauptstadt Bratislava. „Das unterstreicht man natürlich am besten dadurch, dass man von vornherein Schritte in diese Richtung macht.“ |
| • |
Ukrainischer Verteidigungsminister sagt Deutschland-Besuch ab. Der ukrainische Verteidigungsminister Jewhenij Chmara hat seinen für heute geplanten Antrittsbesuch bei seinem deutschen Amtskollegen Boris Pistorius in Berlin kurzfristig abgesagt. Grund sei die aktuelle Lageentwicklung in der Ukraine, teilt das Verteidigungsministerium mit. Beide Seiten bemühen sich demnach um einen baldigen Ersatztermin. Bei dem Treffen sollte es um die weitere militärische Unterstützung des Landes gehen, das sich für einen weiteren Kriegswinter mit russischen Angriffen auf die Energieinfrastruktur rüstet. |
| • |
Tusk warnt vor Dauerangriffen an der Grenze zu Polen. Polens Regierungschef Donald Tusk hält russische Angriffe in der ukrainischen Grenzregion zu seinem Land mittlerweile für einen Dauerzustand. Jede Nacht würden Kampfjets der polnischen Luftwaffe aufsteigen, da die Attacken Russlands in dieser Region einen „permanenten Charakter“ angenommen hätten, sagte Tusk in Warschau vor einer Kabinettssitzung. Seinem Land stehen schwierige Wochen und Monate bevor. |
| • |
Russischer Geheimdienst soll Anschlag estnische Rüstungsschmiede beauftragt haben. Der Brand in einem Gebäude des estnischen Rüstungsunternehmens Milrem Robotics in Tallinn war nach Erkenntnissen des estnischen Inlandsgeheimdienstes ISS ein gezielter Sabotageakt im Auftrag russischer Geheimdienste. Das berichtet der estnische öffentlich-rechtliche Sender ERR unter Berufung auf die Regierung in Tallinn. |
| • |
Nordkorea verstärkt laut Selenskyj seine Truppen in Russland. Nordkorea bereitet nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj die Entsendung von weiteren 10.000 Soldaten nach Russland vor. Mehr als 8000 nordkoreanische Soldaten befänden sich bereits auf russischem Territorium, sagte Selenskyj am Montag unter Berufung auf „neue Daten“. Die Soldaten würden „für die Ausbildung und den anschließenden Einsatz in Russland ausgewählt“. |
|
|
|
|
|
|
|
UN-Generalsekretär António Guterres ermahnte jetzt die Staatenlenker noch einmal, die vielen Kriege zu beenden. Doch er selbst konnte in seiner Amtszeit zur Wahrung des Friedens nahezu nichts beitragen.
|
|
|
|
|
|
|
Russland wollte wichtige Städte in der Ostukraine umzingeln. Doch die ukrainische Armee startete einen überraschenden Gegenangriff. Der australische General Mick Ryan attestiert Putin für dieses Kriegsjahr eine Niederlage.
|
|
|
|
|
|
|
Als sich der deutsche Außenminister in New York mit seinem russischen Kollegen trifft, sollen die Vertreter des Kremls ein Propagandadokument an Wadephuls Platz gelegt haben. Dort geht es um die Massaker in Butscha.
|
|
Ich freue mich, dass wir uns nun wieder regelmäßig lesen. Wenn Sie mögen, schon wieder am Donnerstag.
|
|
|
Kommentare
Kommentar veröffentlichen