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+ Ukrainische Regierung finanziert Sperma-Einfrieren + Paralympics-Eröffnung ohne Ukraine-Flagge + Deutsche Firmen in Russland aktiv +

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Paralympics-Eröffnung ohne Ukraine-Flagge, Walerij Saluschnyj über Konflikt mit Selenskyj, fast 13 Millionen Menschen in der Ukraine benötigen humanitäre Hilfe. Der Nachrichtenüberblick.

Liebe Leserinnen und Leser,

im Ukrainekrieg entscheidet sich nicht alles an der Front. Die Folgen des Kriegs, dessen Beginn sich kommende Woche zum vierten Mal jährt, reichen längst in Bereiche, die sonst privat bleiben – etwa die Familienplanung. Die demografische Krise, die in der Ukraine bereits vor dem Krieg vorhanden war, hat sich in den vergangenen vier Jahren extrem verschärft.

Die Regierung reagiert darauf mit einem Programm, das Familienplanung auch unter Kriegsbedingungen ermöglichen soll, und übernimmt inzwischen die Kosten, damit Soldaten ihr Sperma einfrieren lassen können. Das Programm soll Familienplanung auch dann möglich machen, wenn Männer im Krieg sterben oder ihre Fruchtbarkeit unter den Bedingungen leidet. 

Die BBC (Quelle hier) erzählt das anhand der Geschichte von Maksim, 35, Soldat der Nationalgarde. Für ihn sei die Entscheidung, seine Spermien einfrieren zu lassen, vor allem Vorsorge: Ob in direkter Frontnähe oder Dutzende Kilometer dahinter – Dauerstress, Schlafmangel und permanente Alarmbereitschaft seien belastend und könnten auch die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Doch es geht für ihn auch um die Zukunft seines Landes: „Unsere Männer sterben", erzählt er. „Das ukrainische Erbgut verschwindet. Hier geht es um das Überleben unserer Nation." 

So gab er nach einem Heimaturlaub in einer Klinik in Kiew eine Spermaprobe ab. Kryokonservierung für Militärangehörige bieten private Kliniken in der Ukraine bereits seit kurz nach Kriegsbeginn 2022 an, ein Jahr später verabschiedete das Parlament ein Gesetz, das die Finanzierung der Einfrierung von Sperma für Militärangehörige vorsieht.

Ursprünglich sollte im Todesfall die Probe vernichtet werden. Doch nach Protesten von Kriegswitwen wurde diese Regelung geändert. Mittlerweile werden Proben laut BBC bis zu drei Jahre nach dem Tod kostenlos gelagert und können vom Partner genutzt werden, wenn der Soldat zuvor schriftlich zugestimmt hat. 

Im staatlichen Zentrum für Reproduktionsmedizin in Kiew läuft das Programm seit Januar, bislang hätten sich erst wenige Soldaten gemeldet, berichtet Klinikleiterin Oksana Holikowa. Die größte Hürde sei vor allem, Männer überhaupt zur Teilnahme zu bewegen. Doch auch die Zahl der schwangeren Patientinnen habe sich seit Kriegsbeginn etwa halbiert; viele Frauen kämen mit stressbedingten Beschwerden. Rund 60 Prozent von ihnen nähmen Antidepressiva.

Die „demografische Katastrophe", wie die BBC sie nennt, wird damit zur Bedrohung für die Zukunft der Ukraine: Wenn der Krieg die Geburtenrate weiter drückt, fehlt der Ukraine nach dem Krieg auch eine ganze Generation.

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Lyuba, 39, takes cqre of her child in a United Nations Population Fund (UNFPA) supported maternity ward in Zaporizhzhia on January 31, 2026, amid the Russian invasion of Ukraine. (Photo by Tetiana DZHAFAROVA / AFP)

Die russische Invasion hat die schwere demografische Krise in der Ukraine verschärft. (AFP/Tetiana Dzhafarova)

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine sollen hierzulande Gesundheitswesen, Katastrophenschutz und Bundeswehr enger verzahnt werden. Eine für März geplante Nato-Übung unter dem Namen „Quadriga 2026" simuliert, wie 200 Kriegsverletzte versorgt werden. Mehr dazu hier.
Der heutige Botschafter der Ukraine in London, Walerij Saluschnyj,  war jahrelang Selenskyjs Oberbefehlshaber. Seit seiner Absetzung 2024 gilt er als einer der wichtigsten politischen Konkurrenten von Präsident Wolodymyr Selensky. Jetzt äußerte sich Saluschnyj dazu in einem Interview und sagte, schon im September 2022 sei der Tiefpunkt erreicht gewesen. Mehr dazu hier.
Zum ersten Mal seit Beginn des Kriegs deutet sich an, dass Russlands Verluste die Rekrutierung übersteigen könnten. Internationale Medien berichten unter Berufung auf europäische und ukrainische Stellen, Russland habe im Januar rund 9000 Soldaten mehr verloren, als neu angeworben werden konnten – obwohl der Kreml vor allem mit Geldanreizen versucht, neue Männer zu gewinnen. Mehr dazu hier.
Ukrainische Truppen haben in kurzer Zeit über 200 Quadratkilometer ihres von Moskau besetzten Staatsgebiets zurückerobert – so viel wie seit Juni 2023 nicht mehr. Für die jüngsten ukrainischen Erfolgsmeldungen sehen ISW-Analysten hauptsächlich einen ausschlaggebenden Faktor: Russland wurde der Zugang zum Satellitensystem Starlink gekappt. Mehr dazu hier.
Der ukrainische Botschafter in Deutschland, Oleksii Makeiev, hat scharf kritisiert, dass noch immer deutsche Firmen in Russland aktiv sind. Der Botschafter sprach von „über 100 deutschen Firmen", die dort weiterhin Geld verdienen und mit Steuern auf die Einnahmen die russische Armee finanzieren würden. Mehr dazu in unserem Newsblog.
Die Strafverfolgungsbehörden in der Ukraine und in Moldau haben nach Angaben aus Kiew ein angebliches Komplott zur Ermordung hochrangiger ukrainischer Politiker vereitelt. Ein gemeinsames Ermittlungsteam beider Länder habe die von Moskau angestifteten Attentatspläne aufgedeckt.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat beim CDU-Parteitag seinen unumstößlichen Willen zur Unterstützung der Ukraine im Krieg gegen Russland bekräftigt. „Wir stehen an der Seite des ukrainischen Volkes ohne Wenn und Aber", sagte Merz am Freitag in Stuttgart.
Das Ukrainische Paralympische Komitee hat nun auch offiziell einen Boykott der Eröffnungsfeier der Winter-Paralympics angekündigt. In einer Mitteilung forderte das Komitee außerdem, dass die ukrainische Flagge bei der Eröffnungsfeier am 3. März nicht verwendet wird.
Die Ukraine könnte nach Genehmigung ihrer ersten Rüstungsexporte seit Kriegsbeginn in diesem Jahr Waffen im Wert von mehreren Milliarden Dollar exportieren. Die Regierung erwäge zudem die Einführung einer Steuer auf diese Ausfuhren, sagte der stellvertretende Sekretär des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates, Davyd Aloian.
Durch den extremen Winter benötigen laut Deutschem Roten Kreuz (DRK) fast 13 Millionen Menschen in der Ukraine humanitäre Hilfe. Seit dem Beginn des Kriegs vor fast vier Jahren sei dies die „schlimmste Situation", sagte der Leiter der Internationalen Zusammenarbeit des DRK, Christof Johnen, am Donnerstag in Berlin. Durch die zerstörte Energieinfrastruktur sei es in vielen Wohnungen nur fünf bis sieben Grad warm.

Hintergrund & Analyse

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Die ukrainische Filmemacherin Alisa Kovalenko wurde in russischer Gefangenschaft misshandelt. Ihr Dokumentarfilm „Traces" über Frauen mit ähnlichen Erfahrungen läuft auf der Berlinale. Ein Gespräch über Trauma, Trigger und Gerechtigkeit.
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Ob in Syrien, Iran oder Venezuela: Lange inszenierte sich Moskau erfolgreich als Beschützer autokratischer Verbündeter. Dieses Bild bröckelt zunehmend – darin liegt auch eine Gefahr.

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